• FB
  • IG
  • IN

© martina morger 2020

Harts Brot.

performance / 8h / 2018

Wie Sisyphos, der den Stein immer wieder den Berg hochrollt, sehen wir sinnlose Arbeit als absurde Betrachtung. Die Sinnstiftung beginnt, wenn man in der Arbeit Genugtuung findet. So können wir unsere Sehnsucht stillen, in einen Flow-Zustand kommen, in dem wir einen hohen Grad an Erfüllung erfahren und Sisyphos uns als glücklichen Menschen vorstellen. Um den Sinn der Kunstarbeit wird immer wieder debattiert, vor allem das Medium Performance muss sich ständig, auch in der Kunstbranche selbst, legitimisieren. Als Luxusgut verhöhnt, kann Kunst aber vor allem z.B. politisch handeln, emotional bewegen, die Umwelt formen, Netzwerke schaffen, Zusammenhänge aufzeigen. Kunstarbeit sollte immer den Anspruch haben kulturelle, soziale und politische Arbeit zu sein.    

Die Ausstellung Harts Brot stellt Zustände der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft in Frage, fragmentiert den Begriff indem sie diesen von mehreren Seiten beleuchtet. Physikalisch und mental stellt sie Arbeit als körperliche Arbeit und gleichzeitig als Körperarbeit dar. Das Fliessen zwischen öffentlichem und privatem Raum, zwischen normierten und kreativen Handlungen zeigt Handlungsprozesse, die einen Denkraum erschliessen. Das verwendete Material verweist auf die verschiedenen Berufszweige hier in der Gegend und dient in seiner Grundform als Vokabular und Methapher für das Thema selbst.

 

Lohn

In der Schweiz gibt es, anders als in den meisten Ländern Europas, immer noch keinen gesetzlich verankerten Mindestlohn, der für alle Angestellten gilt. Dagegen wehrt sich die Gewerkschaft Unia. Mindestlöhne sorgen für faire Löhne und sind ein wichtiges Mittel gegen Lohndumping. Wer voll arbeitet, verdient einen Lohn, der zu einem anständigen Leben reicht. Neuenburg hat im Sommer 2017 als erster Kanton einen Mindestlohn eingeführt. Zwar liegt der Neuenburger Mindestlohn mit 20 Franken pro Stunde tiefer als die von der Unia geforderte Untergrenze von 22 Franken.

Frauen arbeiten überdurchschnittlich oft in Tieflohnbranchen. Für sie sind Mindestlöhne besonders wichtig. Frauen arbeiten zudem häufiger Teilzeit oder unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit über eine gewisse Zeit. Dies wirkt sich wiederum auf die Altersrente aus. Mindestlöhne helfen, prekäre Situationen abzufedern. Tieflöhne dagegen schaden nicht nur den direkt Betroffenen, sie bringen das ganze Lohngefüge unter Druck. Auch wenn die Mindestlohn-Initiative der Gewerkschaften 2014 an der Urne abgelehnt wurde, hat sie viel gebracht: 4000 Franken hat sich als Marke für einen fairen Mindestlohn etabliert.

Von einem Mindestlohn kann man als durchschnittliche/r Kunstschaffende/r nur träumen und solche Anliegen werden in Gewerkschaften wie ‚Visarte Schweiz‘ oder ‚IG Bildende Kunst‘ zwar behandelt, aber Massnahmen wie Ausstellungsentschädigungen (reicht meistens zur Spesendeckung) sind nach wie vor selten umgesetzt. Würden Sie selbst für weniger als 500 Franken Vollzeit arbeiten gehen? Kunstschaffende machen dies tagtäglich und abgesehen von der intrinsischen Motivation und der Berufungsausrede, sind alle froh um monetäre Anerkennung. Würden Künstler/innen fair bezahlt, wäre die verrichtete, notwenidige Arbeit kein Harts Brot. In der Kollekte wird Geld gesammelt als Lohn für die Arbeitende, die Kunstschaffende. Sie stellt ihnen im Gegenzug Denkraum und Diskussionsmöglichkeit zu diesem Thema.

 

 

Aufwand

Der Verein des Museümlis arbeitet unentgeltlich und verfügt jährlich über ein Budget von 3000.- CHF. Pro Ausstellung beträgt der Arbeitsaufwand des 6-köpfigen Teams 216 Stunden. Das beinhaltet Sitzungen, Meetings, Kommunikation und Betreuung. Von Morger wurden ohne Budget insgesamt 78 Stunden Arbeitsleistung aufgebracht. Das beinhaltet Konzepterstellung, Meetings, Kommunikation, Besichtigungen, Ausarbeitung, Theoriearbeit, Materialbeschaffung, Skripterstellung, Proben, Vorbereitung und Medienarbeit. Bei einem Mindestlohn von 22.- ergibt das für diese Ausstellung eine Leistung von 4752.- des Teams und 1716.- der Künstlerin. Spesen und Materialaufwände sind dabei nicht eingerechnet. 

 

Arbeit

Arbeit ist in der Physik die Energie, die durch Kräfte auf einen Körper übertragen wird. Man sagt: „An dem Körper wird Arbeit verrichtet“ oder „Arbeit geleistet“. Das geschieht, indem eine Kraft längs eines Weges auf ihn einwirkt. Die geleistete Arbeit berechnet sich in diesem einfachsten Fall als Produkt aus der in Wegrichtung wirkenden Kraft mit der Wegstrecke. Diese physikalische Arbeit ist sichtbar und kann berechnet werden.

Morger interessiert sich aber vor allem für die unsichtbare, versteckte, unentlöhnte Arbeit. Zu dieser Kategorie gehört zum Beispiel die Haus-, die Erziehungsarbeit und auch die Körperarbeit. Zur sozialen Werterhaltung und -steigerung in der Gesellschaft betreibt zum Beispiel ein Mensch letzteres täglich und definiert so seinen Status. Wo liegt Arbeit? Was ist Freizeit? Was ist Arbeit? Inwieweit ist Arbeit nur Beschäftigungstherapie und Lebenszeitfüller? Brot und Spiele? Identitätsstiftung? Katharsis durch Tun? Wann ist politisches Handeln durch Konformität und Funktionalität begrenzt? Was steuert uns? Wann ist eine Tätigkeit intrinsisch? Wann notwendig? Wie kann Arbeit und Entlöhnung neu gedacht werden?

Ertrag

Am ganzen Tag wurden insgesamt 257.15 CHF eingenommen, was bei acht Stunden Arbeitszeit einen Stundenlohn von 32,14 CHF für die Performerin/Arbeiterin ergeben würde. Dieselbe Arbeitsleistung auf zusätzlich sechs Arbeitskräfte hochgerechnet, ergäbe 1800.05 CHF. Gegengerechnet zum Gesamtaufwand der Ausstellung über 6468.- CHF macht dies ein rechnerisches Minus von 4667.95 CHF.